Das bisschen Miete zahlt sich von allein.

Geschichten aus Amerika

Die Sonne scheint. Eine ganze Horde wildgewordener Fliegen surrt durch die Luft. Es ist stickig; warm-feuchte Kellerluft kommt mir entgegen, seit ich die Tür zu meiner neuen Bleibe geöffnet habe. Zur Begrüßung lacht mich ein großer Schimmelfleck an. Er wohnt scheinbar auch hier, und zwar an der Wand direkt über meinem Kopfkissen. Hi!

Willkommen in meinem neuen Zuhause. In San Francisco. Ich habe eine kleine Gartenlaube gemietet. Vom weißen Gartenzaun blättert der Lack. Ich habe noch nicht gezählt, wie viele in die Jahre gekommene Blumentöpfe mit teilweise jämmerlich dreinblickenden Bewohnern hier herumstehen. Mein neues Reich: ein Zimmer mit Schreibtisch, Mini-Kühlschrank und Mikrowelle als Küchenersatz. Zwei Sekunden lang denke ich wehmütig an meine wunderschöne, mit viel Liebe geplante Einbauküche, die ich in Münster vor vier Wochen an den Nachmieter übergeben habe. Aua. So ist das eben als Auswanderer und Weltentdecker, man muss verzichten können. Nur die Harten kommen in den Garten, und nu steh ich hier in diesem blöden Garten.

Scheinbar hat der Vermieter vergessen, zu erwähnen, dass die neue Bleibe auch ein Loch im Dach hat, in das es kurz vor meiner Ankunft noch ordentlich reingeregnet hatte. Obwohl – ich bin mir gar nicht sicher, wie oft es hier insgesamt schon reingeregnet hat. Wir fassen zusammen: Eine Hütte im Garten ohne Küche, mit Loch im Dach. Kostenpunkt: Knapp 2000 Dollar Miete im Monat.

Willkommen in San Francisco, wo die Miet- und Lebenshaltungskosten schneller explodieren als die neueste Rakete von Elon Musk. Damit ihr nicht glaubt, ich sei einem gemeinen Trickbetrüger aufgesessen, der hauptberuflich Auswanderern den Start in der neuen Heimat schwer macht, besuche ich mit euch noch meinen alten Freund Roman. Der wohnt mitten in der Stadt, mit Blick auf die Oakland Bay Bridge. Und mit ‚Blick‘ meine ich: Die zehntausend Autos, die 24 Stunden täglich von San Francisco nach Oakland fahren, brettern direkt an seinem Wohnzimmerfenster vorbei. Nonstop. In ohrenbetäubender Lautstärke. Oder fahren sie doch direkt durch die Bude? Ich kann es nicht so genau sagen. Roman zahlt 3500 Dollar im Monat. Er hat nämlich eine Küche. Dazu ein merkwürdig riechendes Sofa mit Samtbezug, das der Vermieter gern in der Wohnung haben möchte. Und die Lage, nicht zu vergessen!

Vor einer Weile habe ich mal gelesen, dass die Lebenshaltungskosten in San Francisco etwa 70% höher sind als in Berlin. Wie das sein kann? Die stark vereinfachte Erklärung: Das Silicon Valley verwandelt Geld in Monopoly-Scheine. Es investiert Millionen in Startups, die wiederum astronomische Gehälter an ihre Mitarbeiter zahlen. Für Programmierer ist es hier nicht ungewöhnlich, 200.000 Dollar im Jahr zu verdienen. Manche zahlen mit einem Schulterzucken die irrsinnigen Mietpreise. Es gibt mit etwas Glück ja auch schöne Wohnungen hier für das Geld. Andere kaufen sich ein gebrauchtes Wohnmobil und wohnen auf dem Parkplatz ihres Arbeitgebers. Wieder andere, die „nur“ einen ganz normalen Job erlernt haben, wohnen drei Stunden Autofahrt von der Stadt entfernt, wo die Mieten langsam wieder bezahlbar werden. Oder in einer WG, in der sie sich ein Zimmer mit Etagenbett mit einem oder mehreren Mitbewohnern teilen. Oder im Auto. Oder eben auf der Straße.

In Anbetracht dessen gehöre ich hier tatsächlich zu den Glücklichen. Oder den Gewinnern, wie man es auch nennen mag. Ich bin nicht in die Gartenlaube eingezogen und wohne – gut ein Jahr nach meiner Ankunft in der Bay Area – in einer wunderschönen Wohnanlage mit Pool und Fitnessstudio, in der alles an Urlaub und nichts Alltag erinnert. Dass ich mal so viel Miete zahlen würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Aber sehen wir’s positiv: Kein Wohnungsmarkt, ob in Münster, Hamburg oder Berlin, kann mich noch schocken.

Meine „Geschichten aus Amerika“ sollen einen Einblick in das merkwürdige Leben im Silicon Valley bieten. Die Figuren und Begebenheiten sind frei erfunden, es sei denn, sie sind es nicht.

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