Von der Kunst, anders zu leben & zu arbeiten

Glück

Heute geht es hier mal um ein ganz anderes Thema als sonst, das mich schon sehr lange eigentlich jeden Tag beschäftigt: Arbeit, Karriere, Jobsuche und Work-Life-Balance. Warum ich dazu einen ganzen Blogbeitrag schreibe? Kann man Karriere neuerdings backen? (Na klar!) Mein Weg ins Arbeitsleben war ziemlich steinig und ich hätte vor ein paar Jahren gern einen Beitrag online gefunden, der mir Mut macht. (Zum Glück habe ich eines Tages dieses ganz bestimmte Buch entdeckt…aber dazu gleich mehr.)

Du bist exakt genauso wertvoll wie dein Gehalt. Oder?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe sehr, sehr lange geglaubt, dass mein Selbstwert mit meiner Arbeit Hand in Hand geht. Oder andersherum: Dass ich nach dem Studium keine Festanstellung gefunden habe, hat mich schier verzweifeln lassen. Alles, was ich während meines Soziologiestudiums fein säuberlich aufgereiht in Statistiken gelesen hatte, stellte sich als wahr und in der Realität als sehr viel verletzender (und lähmender) heraus: Dass Arbeitslosigkeit zu psychischen Problemen führen kann, dass man sich mit jeder Absage mehr wert- und nutzloser fühlt, dass man nach den ersten dreißig Bewerbungen ohne Reaktion (ja, noch nicht mal eine Absage) kaum noch aufraffen kann, die nächste Bewerbung abzuschicken. Dass die Gedanken anfangen zu kreisen und zu verzweifeln, dass sich der Gedanke „Mich will ja eh keiner“ schneller einstellt, als man es für möglich gehalten hätte, und dass die Tatsache, dass einen keiner will, in direkter Verbindung steht zu „Ich bin nichts wert. Ich kann nichts“. Beste Freunde sind diese beiden Sätze.

Nirgends wollte ich so richtig reinpassen. Für die Soziologen nicht genug Statistik gepaukt und zu sportfixiert, für die Copywriter und Marketingmenschen zu wissenschaftlich ausgebildet, für die Sozialarbeit zu jung, um eine Position zu übernehmen, bei der man keinen Hungerlohn einfährt.

Nach meinem Abschluss an der Uni vergingen also einige Monate und es kam der Punkt, an dem ich nur noch lethargisch an meinem Schreibtisch saß und nicht einmal mehr die Kraft hatte, die Übersetzungen zu Ende zu bringen, mit denen ich mein Geld verdiente. (Merkt ihr was? Ich hatte ja Arbeit. Nur nicht die, von der ich dachte, dass ich sie haben müsste.) Mein Mann hatte das Ganze natürlich genau beobachtet und machte den Vorschlag, eine Radtour in die Stadt zu unternehmen und im Buchladen mal nach einem Karriereratgeber für mich zu schauen. Und das änderte alles.

Wechsel die Perspektive statt die Leidenschaften

Wir bummelten also so durch den Buchladen und ich hatte jede Menge seriöse Bücher in der Hand, die mir sagten, wie ich denn jetzt eigentlich in diese Arbeitswelt passen sollte. Und dann lag da ganz vorn auf einem Stapel noch ein Buch mit einem großen Lettering mit viel Neonpink. „Work is not a job“ stand da. Ich schlug das Buch auf, um mal einen Blick reinzuwerfen, und las einen langen Satz, der alles veränderte. Ich weiß heute nicht einmal mehr, wie er lautete, aber es ging genau um das, was mich bewegte. Während alle anderen Bücher in dieser Abteilung mir sagten, was ich zu tun hatte, sagte dieses mir, was ich nicht zu hatte: Mich verbiegen, bis es weh tut. Meine Leidenschaften aufgeben. Mich daran messen lassen, wie viel Gehalt ich im Monat bezahlt bekomme. Mich bewerten lassen von einem Unternehmen, dessen Standards irgendwann auch mal jemand aufgestellt hat, der vermutlich ein Mensch war.

Ich kaufte das Buch. Ich verschlang es. (Nein, ich kriege nicht einmal Geld dafür, dass ich das hier schreibe!) Ich fasste einen Entschluss: Keine Bewerbungen mehr. Keine Stellenanzeigen durchsuchen. Sondern ein neues Projekt beginnen: Ich selbst sein.

Was für eine Träumerei!

Ich könnte euch noch eine lange, wissenschaftliche Abhandlung darüber schreiben, was für ungeahnte Auswirkungen das auf mich selbst hatte, nachzuforschen, was mir denn eigentlich Spaß macht und was ich gut kann (die Wissenschaftlerin in mir bleibt eben ein fester Bestandteil meines Lebens). Aber um das Ganze hier ein wenig abzukürzen, kann ich zusammenfassend sagen: Freiberufler zu sein ist wirklich nicht immer lustig. Es ist anstregend, ermüdend, und es stellt einen vor Herausforderungen, mit denen man nicht gerechnet hätte, und noch dazu muss man sie dann auch noch ganz allein meistern! Aber genau das ist doch die absolute Lebendigkeit – verzweifeln, lernen, triumphieren, erschöpft sein, Pause machen und das Leben genießen. Das alles klingt für mich heute, nach vier Jahren Selbstständigkeit, so viel verlockender als ein Bürojob, dass ich es mir anders überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Und wer mein Leben ein bisschen mitverfolgt hat, seitdem es diesen Blog gibt, der weiß: Ich kann einfach da arbeiten, wo ich ins Internet komme (und wo der nächste große Kaffee am besten nicht zu weit entfernt ist). Ob in Deutschland oder Amerika. Ich kann nachmittags an den Strand gehen und arbeite, wenn die Sonne schon lange untergegangen ist. Und eines Tages kann ich hoffentlich sagen: Ich arbeite dann, wenn meine Kinder ihren Mittagsschlaf machen.

Auch wenn viele, viele Menschen aus meiner Umgebung es eher so wahrnehmen, als würde ich eigentlich nie arbeiten (das ist wohl das Los von jedem, der im Home Office arbeitet), gehen mir eigentlich nie die Ideen aus. Und noch ein sehr schöner Nebeneffekt der Selbstständigkeit: Ich habe so viele Leute kennengelernt, die sich gegen eine Festanstellung und für die große Träumerei entschieden haben; die fotografieren, bloggen, unternehmen, gründen, wunderschöne Sachen selber machen und nach vielen anstregenden Jahren endlich ihr eigenes Restaurant schmeißen. Es gibt noch also noch unendlich viele Dinge, die ich ausprobieren möchte. Wundert euch nicht, wenn ich demnächst mit einem Koffer vor eurer Tür stehe, um euch eine Feuchtigkeitscreme zu verkaufen. Warum ich das mache? Weil ich das große Glück und die Freiheit habe, einfach alles ausprobieren zu können! Alles, was es dazu braucht, ist Mut.

 

Comments (11)

 

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*

  • Wunderbar, liebste Marina!
    Echt tolle, schöne, wahre und weise Worte! <3
    Danke dafür!
    Du hast mir gerade ein bisschen Leichtigkeit geschenkt!
    Gerade habe ich dieses wunderbare Gefühl wieder in mir gespürt!
    Ach, du bist einfach wunderbar!
    Liebste Grüße über den großen Teich!
    Maria
    Und einen Nasenkitzler in deinem Schlaf!
    *schabernackschmunzelschmunzel*a9AB

  • Wunderbar, liebste Marina!
    Echt tolle, schöne, wahre und weise Worte! <3
    Danke dafür!
    Du hast mir gerade ein bisschen Leichtigkeit geschenkt!
    Gerade habe ich dieses wunderbare Gefühl wieder in mir gespürt!
    Ach, du bist einfach wunderbar!
    Liebste Grüße über den großen Teich!
    Maria
    Und einen Nasenkitzler in deinem Schlaf!
    *schabernackschmunzelschmunzel*

      • Hahaha, und du hast mich mal wieder herrlich zum Lachen gebracht! Dieses Mal ist der Nasenkitzler wirklich angekommen, glaube ich 🙂

        Es macht mich sehr, sehr glücklich, wenn beim Lesen etwas Schönes und Gutes herausgekommen ist! Dann habe ich mein Ziel ja schon erreicht.

        Ich wünsche dir einen wunderschönen Montag voller Leichtigkeit & Liebe! <3

  • Wunderschön geschrieben liebe Marina. Gut, dass du alles genau so gemacht hast wie DU es für richtig hälst.

    In manchen Dingen bist du mir einfach schon ein Stück voraus – hoffentlich nicht mehr lange.

    Viele Grüße aus der alten Heimat <3

    • Danke für das dicke Lob, Simi 🙂

      Hab ja auch schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel als du – und du bist auf einem superguten Weg! <3

  • Liebe Marina,

    nun bin ich doch endlich dazu gekommen deinen Blogpost zu lesen. Und ich finde dich wirklich mutig 🙂 und mich auch, da ich auch nach Übersee rüber gehe und meine Leben komplett neu gestalte. Ich werde mir aufbauen was mir Spaß macht 🙂

    Viele liebe Grüße
    Cristina ( ladolcevita) 🙂

    • Wie schön, dass du es noch geschafft hast! Das freut mich sehr!
      Und ich finde dich auch total mutig und bin schon super gespannt auf dein großes Abenteuer in Kanada.

      Das wird toll 🙂 Alles Liebe! <3